Wozu das ständige Gerede von „Gender“ ?


Neue Zeiten bringen neue Begriffe, wer hätte vor ein paar Jahren gewusst, was „Yolo“ bedeutet. Fraglich auch, wer es in ein paar Jahren noch weiß. Wie die Abkürzung für den aufmunternden Ausspruch „You only live once“ kommen die meisten neuen Worte aus dem Englischen. So auch der Begriff „Gender“ der einem heute überall unterkommt und als „Gender-Studies“ einen ganzen Forschungsbereich bildet. Beim Wort „Gender“ denken viele an „Frauenbeauftragte“ oder das Thema „Gleichberechtigung der Frau“. Das ist aber nur ein Teilaspekt, denn auch die Auseinandersetzung mit „Männlichkeit“ gehört dazu.

Was heißt Gender?

Tatsächlich meint „Gender“ das kulturelle, gesellschaftliche Geschlecht. Weil es im Deutschen aber nur ein Wort für Geschlecht gibt, brauchen wir den englischen Begriff „Gender“, der sich vom biologischen Geschlecht (auf Englisch: sex) abgrenzt. Im Gegensatz zum biologischen, wird das kulturelle Geschlecht oft antrainiert: Mädchen spielen mit Puppen, sind sanftmütig und Jungs tragen blaue Klamotten und sind draufgängerisch. Längst ist die Zeit reif derartige Zuweisungen zu überdenken und festzustellen, inwieweit wir unsere Gesellschaft beeinflussen, wenn wir unsere Kinder mit dem Druck „männlich“ oder „weiblich“ sein zu müssen erziehen. Viele empfinden die alten Klischees als einengend und wollen sie aufbrechen. Wer sich in die Gendersphäre begibt, lässt ein Verschwimmen der Grenzen zwischen männlich und weiblich zu, auf der Suche nach der ganz eigenen, individuellen Identität, die sich nicht in eine von zwei Schubladen stecken lässt.

Mann, Frau, gar nichts, beides?

Jungs die inzwischen Frauen und Mädchen die jetzt Männer sind zeigen uns, dass Geschlechter wandelbar sind. Dennoch ist es bislang eine Ausnahme, das eigene Geschlecht zu überdenken. Dabei kann sich auch der weibliche oder männliche Durchschnittsmensch einmal die Frage stellen “fühle ich mich komplett weiblich/männlich, oder entdecke ich Züge an mir, die ich als männlich/weiblich beschreiben würde? Bin ich vielleicht ein bisschen von beidem?” Manche Frauen fühlen sich zum Beispiel ihrem Mann gegenüber männlich, wenn er auf ihrer Schulter liegt.

Dasselbe gilt übrigens für die sexuelle Orientierung. Manchmal empfinden Männer trotz fester Beziehung mit einer Frau einen sexuellen Reiz gegenüber anderen Männern. Warum nicht auch da ein bisschen mehr in sich hineinhören?

Es gibt tausende Gelegenheiten sich männlich, weiblich oder geschlechtsneutral zu fühlen. Auch auf biologischer Ebene ist es nicht immer so klar, wie es aussieht. Frauen haben erhöhte Testosteron- und Männer Östrogenwerte, manche Jungs kommen mit Eierstöcken zur Welt oder Mädchen besitzen nach innen gewachsene Hoden. Gesprochen wird kaum darüber und Umwandlungen finden noch immer auf Anraten von Ärzten und im heimlichen Auftrag der Eltern statt. Im gesamten Bereich der Geschlechtlichkeit ist viel Berührungsangst, Scham und Unsicherheit im Spiel. Dabei spricht objektiv gesehen einiges dafür, das betroffene Kind selbst entscheiden zu lassen, ob es sich operativ verändern, oder die „Intergeschlechtlichkeit“ beibehalten will.

Die Genderkrise –Kampf gegen das Rollendenken

Auch Wut und angestaute Aggressionen entpuppen sich bei Menschen, die Erwartungen an Mädchen und Jungen nicht aushalten. Um damit endlich aufzubrechen gibt es zahlreiche Kampagnen, welche die Suche nach der eigenen Identität zwischen Mann und Frau nach außen tragen. Sie setzen sich für mehr Sichtbarkeit und gegen Diskriminierungen von z.B. trans- und intergeschlechtlichen Menschen ein. Die Gruppe „Dritte Option“ führt zum Beispiel im Moment einen Gerichtsprozess auf einen dritten Geschlechtseintrag im Pass und in anderen Dokumenten, damit Menschen nicht dazu gezwungen sind, sich auf dem Papier ständig falsch einordnen zu müssen. Ist euch schonmal aufgefallen, wie oft wir bei irgendwelchen Formularen oder auch beim Onlineshopping das Geschlecht ankreuzen müssen und es nur zwei Optionen – „weiblich“/„männlich“ und als Anrede „Frau“/„Herr“ – gibt? Bei Facebook könnt ihr jetzt immerhin bei euren persönlichen Angaben aus vielen Geschlechtsidentitäten wählen, zum Beispiel „genderqueer“, „trans“ und „inter“. Auch Blogs wie tariksgenderkrise auf facebook bringen Denkanstöße und das Online-Portal meingeschlecht lässt alle zu Wort kommen, die zu Themen wie „trans, gender, queer, inter etc.“ was sagen wollen. Jugendliche berichten dabei von ihrem Leben in einer genormten Welt voller Rollenklischees. Dabei erklärt das Portal auch Begriffe wie „Intergeschlechtlich“ und „Pansexuell„. Denn auch wenn es für manche übertrieben wirkt, alles kleinteilig zu bennen, sind es oft neue Worte, die neue Realitäten schaffen. Wenn demütigende Begriffe abgeschafft und ersetzt werden, ändert sich vielleicht auch das Bewusstsein für das Thema und bringt Offenheit für die vielfältigen Möglichkeiten Geschlechteraspekte zu leben.


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Caterina

Caterina

Caterina ist freie Autorin und hat in Köln Geschichte, Romanistik, Politik und Soziologie studiert. Neben der Leidenschaft für spannende Geschichten, interessante Persönlichkeiten und gesellschaftliche Phänomene, liebt sie das Reisen und Eintauchen in Kulturen und Lebenswelten.